Im August 1901 beauftragte der Deutsche Uhrmacher-Bund den Berliner Fachautor Wilhelm Schultz (1854–1921), ein Buch über die tägliche Arbeit am Werktisch zu schreiben. Im April 1902 erschien „Der Uhrmacher am Werktisch“. Bis 1941 erschien das Buch in neun Auflagen, dazu Übersetzungen ins Französische, Spanische, Dänische, Norwegische, Schwedische und Niederländische. Schultz schrieb nicht für den Bau neuer Uhren, sondern für den Reparateur, und zwar ausdrücklich für die Gehilfen, die alltägliche Arbeiten an Taschenuhren „sauber und rasch“ erledigen sollten.
In dieser Reihe stellen wir ausgewählte Kapitel vor und übertragen sie an die heutige Werkbank. Den Anfang macht das Kapitel, das Schultz allen anderen voranstellte: die Kunst, schnell und gut zu arbeiten.
Erst gut, dann schnell: Schultz‘ Grundsatz
Wie wird man ein schneller Reparateur? Schultz‘ Antwort wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: indem man am Anfang überhaupt nicht auf das Tempo achtet. Wer von Beginn an vor allem schnell fertig werden will, wird nach seiner Erfahrung als Ausbilder nie ein guter und schneller Reparateur. Nur der umgekehrte Weg führe zum Ziel.
Sein Beispiel ist der einfache Feilstrich. Hundert flache, rechtwinklige Feilstriche kosten den, der feilen kann, keine Sekunde mehr als hundert schiefe. Unsaubere Arbeit spart also keine Zeit. Sie zeigt nur, dass jemand nie gelernt hat, sauber zu arbeiten. Wer sich dagegen jahrelang zur Sorgfalt erzogen hat, kann irgendwann gar nicht mehr anders als flach feilen. Dass einem geübten Arbeiter „alles glückt“, ist für Schultz deshalb kein Glück, sondern „die durch jahrelange Selbstzucht redlich erworbene Übung“.
Das Beispiel mit den Körnern
Wie schnell Nachlässigkeit zur Gewohnheit wird, zeigt Schultz an einer einfachen Lehrlingsarbeit: Eine größere Schraube soll aus Rundstahl gedreht werden, dazu feilt der Arbeiter zwei Körner an. Geraten sie nicht genau mittig, liegt der Gedanke nahe, das Abdrehen werde den Fehler schon beseitigen. Für Schultz macht der Arbeiter damit gleich zwei Fehler:
- Er verschenkt die Übung. Hätte er die Körner zehn- oder zwanzigmal sauber nachgearbeitet, könnte er sie ein Leben lang auf Anhieb rund ansetzen.
- Er gewöhnt sich an Ausreden. Wer hier „Sie tut’s ja doch!“ denkt, nimmt es bald auch bei Ansätzen und Schraubenköpfen nicht mehr genau.
Gespart ist dabei nichts: Eine unrund laufende Welle abzudrehen kostet mehr Zeit und Mühe als eine rund laufende.
Mit wachsender Übung wird man dann von selbst schneller, bei gleicher Güte. Schultz nennt das Richten des innersten Umgangs einer Spiralfeder: Anfangs braucht man zehn oder zwölf Versuche, später gelingt es nach dem dritten, zweiten oder sogar ersten Biegen. Bis dahin hilft nur Beharrlichkeit.
Werkzeug: genug, in gutem Zustand, griffbereit
Der zweite Teil des Kapitels handelt vom Werkzeug. Schultz‘ Regel: Wer eine Arbeit mit einfachem Werkzeug gleich gut und gleich schnell kann, braucht kein Spezialwerkzeug. Jedes Werkzeug aber, das eine häufige Arbeit wirklich schneller oder sicherer macht, gehört an den Platz. Dazu kommen drei Hinweise, die man an jeder Werkbank noch heute nachprüfen kann:
- Getrennte Feilen für Stahl und Messing. Wer beide Metalle mit derselben Feile bearbeitet, hat nach Schultz nie eine scharfe Feile zur Hand.
- Schraubendreher in vielen Größen. Man soll jeweils den größtmöglichen Schraubendreher nehmen; bei versenkten Schraubenköpfen muss er aber noch etwas schmaler sein als der Kopf.
- Werkzeug für die jeweilige Arbeit. Wer mit derselben Pinzette Kloben abhebt und Spiralfedern richtet, arbeitet weder gut noch schnell. Für feine Arbeiten gehören eigene Pinzetten an den Platz. Und ein Drehstichel, der nicht haarscharf geschliffen ist, kostet mehr Zeit, als das häufigere Nachschleifen spart.
Ebenso wichtig ist Ordnung. Jedes Werkzeug braucht einen festen Platz, an dem es ohne Suchen zu finden ist; dafür empfiehlt Schultz Schubladen mit tiefen und flachen, großen und kleinen Fächern. Auf dem Werktisch selbst sollen nur die wenigen Werkzeuge liegen bleiben, die man ständig braucht. Alles andere kommt nach jedem Arbeitsschritt zurück in die Schublade. Die kurze Pause dabei tut nach Schultz auch dem Kopf gut, weil sie vor hastigem Arbeiten bewahrt. Abends wird der Tisch ganz geräumt und morgens sauber gewischt.
Ruhe statt Hast
Am Ende räumt Schultz mit einem Irrtum auf: Ein flinker Uhrmacher bewegt sich nicht schneller als andere. Hastiges Arbeiten macht nervös und lässt sich nicht durchhalten. Der schnelle Arbeiter zeichnet sich durch ruhige, überlegte Bewegungen aus und durch Erfahrung: Er erkennt sofort, ob ein gefundener Fehler für den Gang der Uhr wichtig ist. Dazu gehört auch, ein Werk möglichst selten zu zerlegen und Fehler schon beim Zerlegen zu suchen. Wie das gelingt, haben wir im Beitrag Das geschulte Auge beschrieben.
Fazit: Schultz‘ sechs Regeln
Schultz fasst das Kapitel selbst in sechs Regeln zusammen, hier in heutigen Worten:
- Am Anfang auf Tempo verzichten, bis jede, auch die kleinste Arbeit tadellos gelingt.
- Danach durch Nachdenken kleine Arbeitsvorteile finden.
- Alle Werkzeuge anschaffen, die rasches Arbeiten fördern, und sie stets in bestem Zustand halten.
- Jedem Werkzeug einen festen Platz geben, an dem es mit einem Griff zu finden ist.
- Auf dem Werktisch nur das Werkzeug für die gerade laufende Arbeit liegen lassen.
- Ruhig und überlegt arbeiten, ohne Hast, aber mit stetem Nachdenken.
Mehr als 120 Jahre später hat sich an der Werkbank vieles geändert, an diesen Regeln wenig. Im nächsten Teil der Reihe geht es um das Bauteil, das jede mechanische Uhr antreibt: die Zugfeder, warum sie bricht und wie viel Feder in ein Federhaus gehört.
Quelle: Wilhelm Schultz, Der Uhrmacher am Werktisch. Hand- und Nachschlagebuch für den Taschen- und Armbanduhren-Reparateur, 9. Aufl., bearb. von Fr. A. Kames, Berlin 1941, S. 12–26 (§§ 1–18). Die zitierten Stellen stehen gleichlautend bereits in der 7. Aufl. 1924 und stammen von Schultz.





